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Wie wirkt Quest? Ein Erlebnisbericht aus Sicht eines Journalisten (Teil 2 von 2)

Max Vogelmann schildert in diesem 2. Teil, wie das Telefoncoaching lief (den ersten Teil findest Du hier)

Über Coaching wusste ich schon ein bisschen was. Ich hatte einiges an Ratgeber-Literatur zum Thema Berufung gelesen, vom Durchstarten zum Traumjob über die Eselsweisheit bis zum Polarisprinzip – und vieles mehr. Ich hab‘ dabei (meistens) sogar die Aufgaben gemacht, bei denen man Antworten auf schwierige Fragen mit Bleistift in das Buch kritzelt. Meine Quintessenz bislang: Es im Grunde um drei Prinzipien, die total simpel und banal klingen, aber echt schwierig umzusetzen sind: Erstens: Hab‘ Dich lieb. Zweitens: Hör‘ Dir zu. Drittens: Tu‘ es. Ich war nun vor allem gespannt, was an einem Gespräch anders als bei der Lektüre von Büchern sein könnte. Würde es einen Unterschied machen?

Beim Telefoncoaching begannen wir mit einer einfachen Übung: Ich sollte mir eine Person vorstellen, die ich echt gerne hatte – am besten nicht aus einer aktuellen Partnerschaft, weil es da ja auch oft hin- und her wogen kann. Sondern von früher. Dann sollte ich mir eine glückliche Situation mit dieser Person vorstellen. Und mich dann auf dieses warme Gefühl im Bauch und um die Herzgegend herum konzentrieren. Das tat ich, saß breit lächelnd auf meinen Schreibtischstuhl, den Telefonhörer am Ohr. Dann sollte ich diesem Gefühl von Liebe Fragen stellen. Und zwar: „Hast Du mich lieb?“ (also das Gefühl mich). Die Antwort war ein sicheres, fröhliches Strömen: Ja! Nächste Frage: „Findest Du mich bescheuert?“ (wieder das Gefühl mich). Die Antwort war das innerliche Äquivalent zu einem Kopfschütteln, auch wieder verbunden mit einem starken Sicherheitsgefühl. Schön! Die Technik schien zu funktionieren.

Zudem sollte ich noch meinen Verstand miteinbeziehen, sagte Martin. Der könne und solle immer wieder Bedenken anmelden. Denn das sei seine Aufgabe, das brauche er wie ein junger Boxer einen Sparringspartner. Dafür sei er da. Das war sogar ausdrücklich erwünscht. Ich dachte also ganz ohne schlechtes Gewissen „Quatsch!“ und „alberner Hokuspokus“, und konnte dann weitermachen. Der Verstand war zufrieden, dass ich ihm zuhörte. Mir nahm das viel Druck. Jetzt waren die Dinge erst mal klargestellt: Es gab eine Resonanz in mir, die Fragen beantworten konnte, und der kritische Verstand war nicht ausgeschlossen, sondern herzlich eingeladen. Klingt komisch, war aber gut.

Jetzt ging es ans Eingemachte: Martin fragte, was ich denn eigentlich wirklich gerne machen will. Ich erwartete von meinem klugen Gefühl so etwas wie „Journalist“, „Schriftsteller“ oder „Koch“, weil das Dinge sind, die ich sehr gerne mache. Tja. Meine innere weise Stimme verkündete : „Comedy!“ Wie bitte? Damit hatte ich nicht gerechnet. Mein Verstand sagte: „Argh! Das ist doch kein echter Beruf! Damit verdienst Du doch kein Geld! Das ist doch peinlich!“ Aber hey, immerhin eine Antwort. Und auf den zweiten Blick nicht nur abwegig. Ich finde Vieles sehr absurd und lustig. Gleichzeitig finde ich Vieles auch sehr traurig. Sind gute Clowns nicht immer beides? Auf jeden Fall fand ich diesen Ansatz wert, mich damit zu beschäftigen.

Wir sprachen auch darüber, welche Fähigkeiten und Erfahrungen ich für meinen Ruf schon mitbringe und vor allem, wie ich das Ganze wirtschaftlich sinnvoll umsetzen kann. Wichtig: Es geht NICHT darum, alles sofort hinzuwerfen und hyperaktiv an der neuen Comedy-Karriere zu stricken. Das funktioniert nicht. Die Einwände des Verstandes sind hier sehr berechtigt, denn selbst wenn ich begeistert alle möglichen Schiffe hinter mir abfackle und Brücken einreiße, um endlich, endlich meinen großen Traum zu leben – Miete muss ich trotzdem zahlen. Mit Geld. Das man verdienen muss. Ganz zu schweigen von Versicherungen, Essen, etc. „Realität ist da, wo der Pizzabote herkommt!“, hat irgendwer Kluges mal gesagt. Genau. Und der Pizzabote will Cash sehen.

Die Lösung: Achtsam und behutsam weitermachen. Zum einen schauen, was geht. Welche Ressourcen schon da sind. So wie beispielsweise der hauptberufliche Kabarettist, den ich neulich über meine Cousine kennengelernt hatte. Den treffe ich bald mal zum Mittagessen und frage ihn, wie er das so gemacht hat und was ich so machen könnte. Langsam in die richtige Richtung gehen, das ist das eine. Das andere: Journalistisch weitermachen und Geld verdienen.

Die Herausforderung ist dabei, dass es aktuell wenig Raum für Experimente gibt, was neue Darstellungsformen wie zum Beispiel interaktive Spiele angeht. Das ist mangelnder Zeit und mangelndem Geld der Entscheider geschuldet. Und der Tatsache, dass viele Verlage Angst haben, etwas falsch zu machen. Es darf nicht zu abgefahren sein. Und besonders Witz und Ironie sind ein ganz gefährliches Gelände. Das könnte Jemand falsch verstehen. Huch.

Irres Sprudeln ist gerade beim Wirtschaftsjournalismus, sagen wir mal, eher hinderlich. Es geht meist um Fakten, Fakten, Fakten. Wobei meine wunderbare Chefin im Wirtschaftsressort beim Radio dazu sagte: „Max, mach‘ weniger Zahlen in deine Beiträge! Du denkst immer, Du musst ganz viele Zahlen reinhauen, weil es ja Wirtschaft ist. Aber Zahlen, das ist Sport. Da hat man Zahlen, Tore und Zeiten. Aber Wirtschaft, das sind Menschen und Emotionen!“ Das fand ich gut und überzeugend. Aber nur Quatsch machen ist da natürlich trotzdem nicht drin. Zurecht.

Besonders bei der seriösen Berichterstattung wirken Witze dubios. Geht nicht. Der Entertainer Jan Böhmermann musste das während seiner journalistischen Ausbildung bei der ARD-Anstalt Radio Bremen erfahren, denn offenbar konnte er schlimme Nachrichten wie beispielsweise über Krisen im Gaza-Streifen manchmal nur lustig vorlesen. Und die meisten Nachrichten gehören in unserer Zeit einfach zu den drei Ks: Kriege, Krisen, Katastrophen. Lustig präsentieren ist da nicht so gut. Böhmermann wurde daher anscheinend gegangen. Aber er ist jetzt mit anderen Dingen erfolgreich. Übrigens auch bei Radio Bremen.

Vielleicht habe ich mich deswegen so an den ganzen Fakten aufgehalten – in einer Art Gegenreaktion zu meiner Liebe zur Albernheit? Weil ich dachte, dass nicht sein kann, was nicht sein darf? Und seriösen Journalismus darf man nicht mit Humor koppeln – das ist für viele Leute klar und war bislang auch für mich ein Axiom. Das hat sich jetzt geändert, ich denke, ich darf da mehr wagen. Das ist schön. Denn ich muss den Journalismus nicht aufgeben. Und Comedy? Was bedeutet das? Bühnenauftritte? Mhm, ich weiß nicht. Ich als Gagautor von Comedians? Mal sehen. Ich spiele gerne Improtheater. Vielleicht mehr das? Die grundsätzliche Richtung gefällt mir jedenfalls. Wenn ich da in mich hineinspüre, kommt ein wohliges „Mhm-Mhm“ aus meinem Bauch.

Insofern war das Gespräch – wenn auch nur am Telefon – mit Martin ergiebiger als das Lesen von Büchern. Weil er den Fokus gehalten und mir Nachfragen gestellt hat. Er wollte es verstehen. Das hat geholfen, denn wenn man jemand anderem etwas erklärt, erklärt man es ja auch immer sich selbst. Das funktioniert mit Texten weniger gut. Was haben wir noch gemacht? Ein Motto für mich konzipiert, das ich hier nicht an die große Glocke hängen möchte. Zudem haben wir noch Techniken besprochen, mit denen ich einigen meiner Ängste besser begegnen kann. Prinzipiell total gut. Hier ist halt die Sache, wie so oft: Machen muss man es selbst.

Den letzten Monat habe ich mich überdies am Quest Transformer (Link) versucht. Die Idee finde ich klasse: Vier Wochen lang gibt’s jeden Tag eine Mail mit einer kleinen oder großen Aufgabe, die dabei hilft herauszufinden, was man eigentlich will. Das hat mir viel Spaß gemacht. Online-Fragebögen ausfüllen, über Dinge nachdenken, träumen. Am coolsten fand ich die Übung mit einem Fernseh-Reporter (Link: Erinnerungen an die Zukunft), der in zwei Jahren zu mir nach Hause kommt und einen kleinen Film darüber dreht, wie mein Leben seither verlaufen ist, mit Interviews und verschiedenen Szenen aus meinem Alltag in zwei Jahren. Da kamen spannende Sachen heraus, die ich auch durch angestrengtes Nachdenken nicht einfach so herausgefunden hätte. Zum Beispiel scheine ich in zwei Jahren Papa zu sein und eine Katze zu haben. Aha.

Nur die Sache mit dem „täglichen Ritual“ habe ich nicht so gut hinbekommen. Dabei soll man atmen und achtsam sein und in sich hinein lauschen, alles entlang einer selbst formulierten Frage, die mit der eigenen Berufung und deren Umsetzung zu tun hat. Tja, und die erste Frage in jeder Quest-Transformer-Mail lautet: „Wie gut hast Du gestern das Ritual durchgeführt?“ Das kann man auf einer Skala von eins bis zehn beantworten. Ich war meistens bei einer zwei („Ritual halbherzig durchgeführt“), aber das war geschummelt, weil es eigentlich eine eins hätte sein sollen („Ritual nicht gemacht“). Erst am Ende der 28 Tage habe ich den Trick endlich rausgehabt und einfach „gestern“ durch „heute“ ersetzt, schnell noch ganz achtsam geatmet und mich meine Frage gefragt. Hat funktioniert.

Was nun? Ich habe einen ganzen Haufen ausgefüllter elektronischer Fragebögen, die viele spannende Ansätze enthalten. Ich habe ein „Meckertagebuch“, wo ich Ängste und Zweifel notiert habe. Und ein „Erfolgstagebuch“ mit guten Gedanken, Einsichten und Ideen. Ich finde, ich bin jetzt schon ganz gut ausgerüstet. Ich muss nur immer wieder mal ‚reingucken in das alles. Wenn man die drei Grundprinzipien Hab‘ Dich lieb, Hör‘ Dir zu und Tu‘ es auf das kurze Coaching anwendet, haben die ersten beiden prima funktioniert. Auf jeden Fall habe ich mittlerweile eine bessere Vorstellung von meiner Berufung. Es ist schön, eine Richtung zu wissen. Der Rest liegt bei mir.

Max Vogelmann arbeitet als freier Journalist in Berlin. Er möchte mehr Subjektivität, Kreativität und Humor im Journalismus wagen.

2 Kommentare

  1. Toller Artikel finde ich. Mir fehlen lediglich die beiden erwähnten Links (Quest Transformer & Erinnerungen an die Zukunft). Kannst du die noch einbauen od. gleichwertigen Ersatz anbieten?

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    • Hallo Heiko

      die Übungen gehören zum „Big Shift Jahreskurs“, der in Kürze wieder startet.

      😉

      Martin

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