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Wie wirkt Quest? Ein Erlebnisbericht aus Sicht eines Journalisten (Teil 1 von 2)

Max Vogelmann ist Journalist.

Und ihn interessierte, wie Quest als Weg zur eigenen Berufung funktioniert.

Das sind seine Erfahrungen (ungeschmninkt, nicht von mir zensiert oder nachbearbeitet)

„Das Leben ist kurz. Also mach‘ was draus!“, sagt meine Innere Stimme. Sie nervt damit schon eine ganze Weile. Und leider verrät sie mir nie, was bitteschön ich denn jetzt GENAU machen soll. Geschweige denn wie, wo oder wann…

Also, Ideen hat sie schon, meine Innere Stimme. Viele davon habe ich auch ausprobiert: Im Café arbeiten, an der Universität, im Buchladen, an der Bar, beim Theater. Alles schön, alles gut, aber alles nie ganz perfekt. Journalismus, was ich aktuell mache, deckt das meiste ab, was mir gefällt. Insbesondere das Grundprinzip: Geh‘ raus, lern‘ was Neues und erzähl‘ Anderen davon – auf eine spannende, unterhaltsame und informative Art und Weise. Da kann man viel von der Welt kennenlernen. Gute Sache. Als hauptberuflicher Journalist arbeite ich nun seit einem guten Jahr. Das macht mir Spaß. Und trotzdem erlebe ich eine Krise: Mein Leben wirkt, als ob es immer schneller an mir vorbei zieht. Und was mache ich? Darauf warten, dass irgendetwas passiert. Eine gute Stelle, um Robert Gernhardt zu zitieren:

„Ach Gott, was bin ich denn schon groß. 
Ich bin ein Schwein auf einem Floss. 
Auf einem Floss im Strom der Zeit.
 Ein Sinnbild der Vergänglichkeit.
 Ein Punkt im Raum, ein Nichts im Sein.
 War da je Strom, je Floss, je Schwein?“

Auch eine gute Stelle, um mich mit dem Thema „Berufung“ zu beschäftigen. Also, womit man denn so den Großteil der eigenen Zeit hier auf der Erde verbringt: Mit arbeiten. Zum Thema Berufung hat Martin mich nun gecoacht. Das geschah so: Von meiner Mama hörte ich, dass so ein Coach im Internet Jemanden für seinen Blog suchte, und ich dachte: „Hey, vielleicht ist das was!“ Denn ich war auf der Suche nach Nebenprojekten, die meine journalistische Tätigkeit ergänzen sollten, thematisch gerne mit der Frage danach, wozu das Leben da ist und was man da so machen kann. Martin und ich telefonierten, wir verstanden uns gut. Allerdings konnten wir uns honorartechnisch nicht einigen, daher ist dies hier nur ein Gastbeitrag von mir. Martin coachte mich aber ein bisschen, und davon will ich hier berichten – total subjektiv und in zwei Beiträgen.

Meine Ausgangslage: Ich bin 31 Jahre alt und seit einem guten Jahr als freier Journalist in Berlin tätig, vor allem beim Radio zum Thema Wirtschaft. Das war nicht mein hundertprozentiger Traumjob, aber schon ganz schön gut. Vor allem mit einem Soziologie-Studium als Ausgangsbasis, bei dem der Taxifahrerwitz irgendwie halt schon berechtigter ist als bei einem Wirtschaftsingenieur-Studium. Nach meinem Uni-Abschluss hatte ich mich ein Jahr lang an verschiedenen Journalistenschulen beworben, bis es dann bei einer geklappt hat, die sich auf Wirtschaftsjournalismus spezialisiert hatte. Ich dachte: Alright. Dann mache ich das. Wirtschaft. Super! So hatte sich das alles ergeben. Oder ich mich? Ich fand meine Lage vor einigen Monaten jedenfalls soweit sehr gut. Manchmal, wenn ich morgens die Spree entlang lief, auf der die Sonne funkelte, am Bundestag mit den staunenden Touristen vorbei zum Termin bei der Bundespressekonferenz, da dachte ich „Wow! Ich! Berlin! Pressekonferenz! Radio! Toll!“

Nur: Ich hatte diese Rastlosigkeit in mir, eine unangenehme Unruhe. Ich dachte, die käme von meiner Angst, als freier Journalist auf die Schnauze zu fallen. Nicht genug Aufträge zu bekommen, zu wenig Einkommen für Miete, Energie und Essen zu erwirtschaften. Die Angst ist ja nicht unberechtigt – die andauernde Krise im Journalismus bedeutet sinkende Budgets der Verlage und damit gekoppelt schrumpfende Redaktionen. Es gibt also immer mehr freie Journalisten auf dem Markt, die ihre feste Stelle verloren haben oder aber keine finden, und gleichzeitig gibt’s immer weniger Geld für diese ganzen Leute.

„Das rüttelt sich zurecht“, meinten Branchenprofis, die ich um Rat fragte, was das freie Journalistentum anbelangt. Doch meine Unruhe blieb. Und langsam wurde mir klar, dass es dabei nicht nur um die Angst vor dem finanziellen Desaster ging, um das berufliche Scheitern und die Furcht vorm sozialen Abstieg, die im armen Berlin immer ganz nah ist. Eigentlich ging es um etwas anderes: Darum, was ich eigentlich will.

Eine gewisse Unzufriedenheit kannte ich schon mein Leben lang, sie speist sich aus zwei Quellen, die schlecht (oder vielleicht auch sehr gut) zusammenpassen: Einerseits alles erleben, was geht. Andererseits aber ja keine falsche Entscheidungen treffen, die mir irgendetwas verbauen könnten. Mit dem Älterwerden nahm das Gefühl zu, schon viel zu viel verpasst und auch schon viel zu viele Entscheidungen getroffen zu haben, die mir Türen aller Art verschlossen hatten. Im Ausland einen Uni-Abschluss machen? Vorbei. Gefühlt zumindest. Muss ja Geld verdienen. Flammende Plädoyers für die Gerechtigkeit als Anwalt? Nicht mit einem Soziologieabschluss. Eine staatliche Schauspielschule besuchen? Definitiv vorbei (zu alt).

Nicht dass das alles meine definitiven 100-Prozent-Träume vom perfekten Leben und Beruf sind. Ich denke, Journalist kommt dem aktuell am nächsten. Aber diese ganzen Vorstellungen, welche Lebenspfade sonst noch existieren, die ich noch hätte beschreiten können oder die ich noch beschreiten kann, spuken (mit hundert anderen) in meinem Kopf herum. Und alle fragen auf diese Weise ständig, ob ich wirklich zufrieden bin – und liefern gleich die Antwort dazu: Anscheinend nicht. Sonst hätte ich diese Gedanken doch nicht. Oder?

Berufung bedeutet für mich: Was kann ich wirklich gut, und was tue ich wirklich gerne? Womit will ich die Welt verändern? Das Ganze stammt ja vom Ruf, der von Drinnen oder Draußen zu einem dringt. Zum Beispiel Priester werden. Eine Sache mit Herzblut und Überzeugung, vielleicht auch mit einer gewissen Portion Fanatismus. Am anderen Ende des Spektrums steht dabei der nüchterne Job, der die Kohle ‚ranschafft, einem im Grunde aber völlig egal ist. Die komplette Trennung von privatem Glück und beruflicher Resignation. Selbstverwirklichung? Vielleicht beim Bungeespringen oder in der Kneipe. Selten hinter der Ladentheke, am Fließband oder im Büro.

Journalismus ist für mich weitaus mehr als nur ein Job. Ich kann hier vieles machen, was ich wirklich gut kann, und was mir viel Spaß macht: Fragen stellen, Menschen und Dinge verstehen, mich aufs Wesentliche beschränken, das Ganze anderen Menschen vermitteln, und zwar nicht direkt, sondern über den Umweg meiner eigenen Reflexion, der Kontemplation am leeren Bildschirm, der gefüllt werden will. Zeit also (wenn auch nicht immer viel), um zu überlegen, einzuordnen, zu strukturieren, kreativ zu sein, Worte zu wählen, Entscheidungen zu treffen, Ideen auszuprobieren und umzusetzen und um an Formulierungen zu feilen. Das alles gefällt mir echt gut.

Nichtsdestotrotz gibt es auch hier Schemata und Erwartungen, von Zielgruppe und von Redaktionen. Man muss so arbeiten, dass möglichst viele Leser, Hörer und Zuschauer möglichst viel verstehen, ohne dass sich andere langweilen, die sich schon besser mit dem Thema auskennen. Das ist sinnvoll, aber manchmal schränkt mich die Massenverständlichkeit auch ein. Zudem ist oft zu wenig Zeit, um alles richtig gründlich zu durchleuchten oder um selber Themen zu setzen, und man berichtet einfach nur, was Verband X oder Partei Y zum Thema Z sagen. Daher hat man manchmal mit Themen zu tun, die einen selber weniger interessieren, die aber gebracht werden müssen, weil sie für viele relevant und/oder aktuell sind. Da ist dann die Professionalität gefragt, sich auch hier mit Begeisterung ‚reinzuhängen und das Thema spannend zu erzählen und nicht einfach nur öde ‚runterzududeln, weil es einem selber am Allerwertesten vorbeigeht. Das ist bei allen Berufen normal. Klar: Es gibt auch auf dem Ponyhof Mist zu schaufeln.

Jedenfalls: Meine Unrast nahm zu. Ich erledigte tagsüber meinen Job und lag nachts wach. Ich dachte „Oh Gott, bitte hilf‘ mir, ich weiß nicht, was ich tun soll“, obwohl ich mindestens Agnostiker bin. Aber irgendwie war ich doch ein kleines bisschen verzweifelt – ohne zu wissen, warum. Die unsichtbare Falle um mich herum ging langsam zu. Dabei war objektiv betrachtet doch alles OK, gut sogar! Genug Aufträge, genug Geld, genug gute Kontakte. Alles gut genug. Aber doof, wenn Kopf, Herz und Bauch irgendwie unterschiedlicher Meinung sind und sich nicht einigen können, was denn jetzt Sache ist.

Das Ganze hatte Auswirkungen. Vor allem beim Radio, wo man über die Stimme hört, wie es einem geht. Meine Leistung wurde schwächer, der Druck wuchs. Und so wurde die Wirtschaftsberichterstattung immer mehr zu einer Pflicht, die ich bewältigen musste. Schade! Das jedenfalls war der Zeitpunkt, als Martin mich coachte. Er fand: Eine perfekte Situation, um herauszufinden, was ich will, und um neue Weichen zu stellen. Wir hatten zwei Sessions am Telefon im Abstand von wenigen Wochen. Zudem absolvierte ich sein Email-Trainingsprogramm „Quest Transformer“. Mehr dazu in Teil 2.

Max Vogelmann arbeitet als freier Journalist in Berlin. Er möchte mehr Subjektivität, Kreativität und Humor im Journalismus wagen.

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