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Was das „Deutschland-Beben“ zu bedeuten hat

Erst Lena.

Und nun auch noch die Argentinier.

„Deutschland hat ein Erdbeben ausgelöst“, titelte Christoph Daum in der sonst eher seriösen „Welt-Online„.

Und zurecht.

Klar, noch ist die Weltmeisterschaft nicht gewonnen. Gut möglich, dass uns Deutschen schon in wenigen Tagen der Blues befällt (für die Blog lesende Nachwelt: dieser Artikel erschien zwei Tage vor dem Halbfinale.)

Und doch ist das, was in diesen Tagen und Wochen passiert, symptomatisch für eine Aufwärtsentwicklung, die ich seit einigen Jahren beobachte.

Und falls Du Dich fragst, ob ich beim Verfassen dieser Zeilen zu tief ins Glas geschaut habe. Mitnichten.

In Deutschland – und übrigens nicht nur hier – geht es nach vorne. Und zwar ordentlich.

Um dazulegen, warum das so ist, lass uns bitte für einen kurzen Augenblick zurückkehren ins Deutschland von 2006. Kurz vor die letzte Weltmeisterschaft…

Erinnerst Du Dich noch? Ein ganzes Land dümpelte vor sich hin. Wirtschaftskrise, miserable Pisa-Quoten, Arbeitslosigkeit, nichts wollte mehr so recht klappen.

Der amerikanische Ex-Präsident Bill Clinton, 2004 zu Gast bei Sabine Christiansen, brachte die desolate Lage gut auf den Punkt: „You can not be always Number One“.  Zu deutsch: „Ihr könnt nicht immer die Ersten sein.“

Und dann sagte er sinngemäß: „Wenn man das akzeptiert, lautet die nächste Frage, wie geht es jetzt weiter? Was machen wir aus der Situation?“

Genau am Machen aber krankte damals die deutsche Seele.

„Wir sind ein Land von Besserwissern„, konstatierte Prof. Dr. Gunther Olesch (Mitglied der Geschäftsleitung bei Phoenix Contact) in einem Vortrag 2005, der mir damals besonders im Gedächtnis haften geblieben ist. Alles würde zu Tode analysiert, Innovationsansätze häufig schon im Keime erstickt, und er forderte: „Wir müssen endlich zu Bessermachern werden.“

Ein beredtes Beispiel für diese Besserwisserei zeigte sich eben im Jahr 2006: Die deutsche Mannschaft kurz vor der Weltmeisterschaft. Trainer Jürgen Klinsmann war damals schon mehr als einmal von der Presse durch den Kakao gezogen worden. Zum Beispiel wegen seiner Trainingsmethoden, für die kaum einer Verständnis hatte. (Siehe Deutschlandradio). Und anlässlich eines nicht sonderlich gut gelaufenen Spiels vor der Meisterschaft berichtete, nein, lästerte die Bildzeitung: “ Jetzt will der Bundestag den Nationaltrainer nach Berlin vorladen… Ob Grinsi-Klinsi dann das Lachen vergeht?“ CDU-Sportexperte Norbert Barthle: „Es wäre schön, wenn Herr Klinsmann mal dem Sportausschuß erklären würde, was seine Konzeption ist und wie er Weltmeister werden will. Das Spiel gegen Italien war grausam, und man fragt sich, wie er das bis zum Sommer aufholen will. Der Bund ist der größte Sponsor der WM. Insofern hätte ich gerne ein paar Antworten.’“

Und dann das Unfassbare: Die deutsche Mannschaft dribbelt sich nach vorne, gewinnt ein Spiel nach dem anderen, und ein Ruck geht durch Deutschland.

Auf den Straßen tauchen mit Deutschlandfahnen beflaggte Autos auf, laut Spiegel Online rund fünf Millionen übrigens, und die Schwarzrotgold-Schminkstifte sind über Nacht ausverkauft.

Eilig wurden Public Viewings aus dem Boden gestampft, ein Begriff übrigens, den es erst seit der Weltmeisterschaft 2006 in dieser Form gibt (siehe Wikipedia) – und plötzlich, vollkommen ungeplant, kommt etwas zum Vorschein, das die Welt erstaunen lässt: Die Deutschen, die ewig Hässlichen, die sind ja gut drauf! Die können ja feiern!! Die haben Humor!!! Und die können auch noch gut verlieren, selbst wenn es ein Viertelfinalspiel ist!!!!

Wer hätte das für möglich gehalten?

Das Interessante daran: Niemand hatte den Deutschen aufgetragen, lustig zu sein. All das geschah scheinbar einfach so.

Aber das ist natürlich Blödsinn. Die Wahrheit ist: Irgendwann vorher hatte sich irgendwie etwas in der deutschen Seele zu drehen begonnen.

Zunächst nur im Verborgenen.

Und auch nicht von heute auf morgen. Sondern über einen längeren Zeitraum hinweg, in dem wir vielleicht einzusehen begannen, dass wir wirklich was tun mussten. Dass es so nicht mehr weiterging.

Als die Veränderung unterm Kokon abgeschlossen war, kam die Weltmeisterschaft des Weges, riss die Kruste auf und zum Vorschein kam eine Nation, die sich zum Weltmeister der Herzen entpuppte.

Dabei jedoch blieb es nicht: Die Wirtschaft erlebte nach der Meisterschaft einen Aufschwung und die Arbeitsmarktsituation in Deutschland begann sich zu entspannen. Von rund 4,5 Millionen Arbeitslosen 2006 rauschte es runter auf 3,3 Millionen in 2008 (Zahlen Wikipedia).

Dieser Trend zeigte sich von seiner stärksten Seite, als 2008 die Finanzkrise über uns hereinbrach. Etwas, dass Alle in seinen Grundfesten erschütterte. Selbst die Experten waren ratlos: Kaum einer hatte geahnt, dass die Krise so schnell und so hart zuschlagen würde. Noch weniger von ihnen hatte einen Schimmer, wie man jetzt agieren sollte.

Und in dieser Situation, die nun wirklich zu Unruhe, Ängsten und Sorgen einlud, zeigten die Deutschen Flagge: „Trotz der Finanzkrise und ihren Auswirkungen auf die Konjunktur in Deutschland“, stellte das Konsumforschungsinstitut GfK am 22.12.2008 fest: „verbessert sich die Anschaffungsneigung der Verbraucher im Dezember noch einmal leicht.“

Wir Deutschen shoppten. Wir Deutschen buchten Reisen. Wir schlürften im Café unseren gewohnten Caffe Latte. So, als ob nichts gewesen wäre.

Eine Entwicklung, die der Trendforscher Matthias Horx  wie folgt bewertete „Was mich optimistisch stimmt, dass die Deutschen ein bisschen mehr Resilienz entwickelt haben. Man glaubt nicht mehr alles, was in den Medien steht. Man glaubt dem Spiegel nicht mehr, wenn er schreibt ‚Ist es nicht doch wie 1928?’… Es gibt eine Art Trotz. [In meinen Vorträgen] erlebe ich Zweidrittel der Leute, die sagen, wir lassen uns nicht mehr ins Angstschneckenhaus jagen. Wir wollen nach vorne schauen.“

Von was wir die deutsche Seele vor 2006 eigentlich befreit haben, werden Geschichtsforscher in ferner Zukunft vermutlich besser erkennen können als wir im Zeitgeist Gefangenen.

Aber das wir uns verwandelt haben, unterstrich zuletzt auf eindrucksvolle Weise Lenas Sieg in Oslo.

Wir sind nicht mehr so wie früher.

Wir sind anders.

Aber wie genau anders?

Lasst mich dazu jemanden ans Mikrofon holen, der weitaus mehr von Fußball versteht als ich.

Christoph Daum. „Es ist bewundernswert, wie diese Mannschaft spielt“, schreibt er in der Welt Online. „Die Herzen ihrer Mitmenschen in der Heimat hat sie längst erobert, nun -“

Stopp.

Da muss ich just einmal unterbrechen.

Was Daum da sagt, ist keineswegs nebensächlich.

Wusstest Du, dass Bundestrainer Löw seiner Mannschaft vor dem Spiel Fernsehausschnitte eingespielt hat?

Aufnahmen von deutschen Fans.

Begeisterten deutschen Fans natürlich.

Das mag man als simples Motivationsmittel etikettieren. Aber in Wirklichkeit ist es mehr als das.

Was Löw da befeuerte, ist ein „Loop“, eine „Schleife“, von der jeder Rockstar, jeder Trainer, jeder Schauspieler profitiert. Zwischen Publikum und dem Akteur auf der Bühne entsteht eine Art Rückkoppelung: das Engagement und Können des Künstlers entfacht bei den Zuschauen eine erste Begeisterung, die wiederum den Vortragenden anfeuert. So entsteht eine sich gegenseitig verstärkende Energiespirale, die ein schnödes Training oder eine simple, künstlerische Darbietung zu einem unvergesslichen Ereignis anhebt.

Und es ist dieser energetische Kick, der „zweiundzwanzig Männer, die einem Ball nachlaufen“ zu einem Milliardengeschäft pusht.

Darum ist Daums Bemerkung über die deutsche Mannschaft so wichtig: „Die Herzen ihrer Mitmenschen in der Heimat hat sie längst erobert, nun aber sorgt sie auch noch für Begeisterung über die Landesgrenzen hinaus. Menschen springen auf und erfreuen sich an den Auftritten der Deutschen. Sind angetan von deren Spielweise – und vielleicht ein wenig vom Charakter des Teams.“

Interessant ist, was Daum als Erfolgsfaktor für das deutsche Beben benennt: „Unsere Mannschaft wusste von der ersten Sekunde an, dass sie diese großartigen argentinischen Individualisten nur im Verbund besiegen kann.“

Und: „Diese Mannschaft gibt einer ganzen Nation nun ein besonderes Gefühl der Stärke, weil sie sich als multikulturelles Team alles gemeinsam erspielt hat, was sich viele von ihnen vorher nicht zugetraut hatten. Dass der deutsche Fußball nach diesen WM-Auftritten mit Worten wie Kreativität, Spielwitz, Spielfreude und Teamgeist ein neues Image weltweit verpasst bekommt, tut uns allen gut.“

Was den Fußball betrifft, kann ich da ehrlich gesagt nicht mitreden.

Zu laienhaft ist mein Verständnis.

Aber ich meine Christoph Daum, hat die Essenz, das Wesentliche getroffen, wenn er schreibt. „Ich erhoffe mir sogar eine Signalwirkung in Bezug auf das Erkennen und Ausschöpfen unserer Potenziale in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Die unglaubliche Freude wird bei keinem zu einer Verklärung der vor uns liegenden Herausforderungen führen. Wir sind nicht die Größten, wir gehören aber zu den Besten. Gemeinsam sind wir stark und können nur diesen Weg konsequent weitergehen.“

3 Kommentare

  1. Respekt.

    Gerade ist das Halbfinale zu Ende gegangen.

    Die Spanier haben gewonnen.

    Und ich muss sagen: Vollkommen zurecht.

    Gratulation!

    Ansporn genug, es beim nächsten Mal besser zu machen.

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  2. Guck. So ist’s recht!

    Aus http://www.spiegel-online.de

    Frage: Herr Löw, die Mannschaft ist tief enttäuscht. Hat sie eine Riesenchance vertan?

    Löw: Mein Kompliment geht vor allem an die Spanier. Ich glaube auch, dass sie dieses Turnier gewinnen werden. Mit ihrer Spielweise haben sie uns an unsere Grenzen gebracht.

    Frage: Hat sich die Mannschaft irgendetwas vorzuwerfen?

    Löw: Nein, gar nicht. Wir konnten so manche Hemmungen nicht abbauen, und wir haben unsere Aktionen nicht immer mit vollem Mut und voller Überzeugung gespielt. Aber die Spanier haben den Ball sehr stark laufen lassen. Letztendlich ist der Sieg der Spanier verdient.

    Frage: Kann die Mannschaft aus diesem Spiel auch gestärkt hervorgehen – trotz der Niederlage?

    Löw: Ich denke schon. Wir werden unsere Lehren daraus ziehen. Die Spanier sind einfach eingespielter als wir. Aber in Zukunft werden wir solche Spiele auch anders bestreiten. Es gibt sicher Dinge, die man künftig noch besser machen kann.

    Antworten
  3. Hallo,

    Sehr interessanter Beitrag, vielen Dank für die tolle Präsentation der Informationen.

    Lg Kathi

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