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Warum die meisten Selbsthilfebücher unser Selbstvertrauen verringern

Der Philosoph Alain de Botton hat einmal über Selbstvertrauen gesagt: „Es gibt zwei Arten von Selbsthilfebüchern. Die einen, die Dir sagen: ‚Du kannst es, Du schaffst es, alles ist möglich.‘ Und die anderen, die Dir erklären, wie man mit einem geringen Selbstwertgefühl umgeht.“

Kann es da einen Zusammenhang geben?

Könnte es sein, dass Life-Coach Boliden wie Tony Robbins, Ratelband, Höller und andere „Nichts-ist-unmöglich“-Missionare unserem Selbstvertrauen schaden?

Nun……Alain de Botton meint: „Ja!“

Denn wenn es wirklich stimmen würde, dass wir alles erreichen können – wie müssen wir uns dann fühlen, wenn uns das nicht gelingt?

Dazu zitiert de Botton den Franzosen Alexis de Tocqueville, der die Beobachtung machte, dass die Amerikaner in Zeiten steigenden Wohlstands immer hektischer und ruheloser werden: „Wenn jeder Beruf für jeden offen steht, können ambitionierte Menschen denken, dass es leicht wäre, auch besonders hoch gesteckte Ziele zu erreichen… Ein Irrtum, den die Realität schnell korrigiert. Solange es „normal“ ist, dass nur wenige erfolgreich sind, macht das nichts. Selbstvertrauen  Sobald aber jeder es schaffen kann, fällt jedes Scheitern besonders stark auf. Das ist der Grund für die seltsame Schwermut und pessimistische Grundhaltung bei Menschen, denen es finanziell sehr gut geht.“ (zitiert aus de Bottons Buch „Status Anxiety„).

Fall Dir das wohlbekannt vorkommt, habe ich eine interessante Information für Dich:

Der Artikel erschien 1835.

Richtig gelesen.

Unsere tägliche Hetze, unser ewiges Streben nach noch mehr, unsere Unruhe, unsere extreme Geschäftigkeit – all das hat es damals schon gegeben.

Schlimmer noch: Das eigentlich positive Mantra von „Alles ist möglich“, diese Hymne, welche die Selbsthilfebranche, zu der ich ja auch gehöre, tagein tagaus trällert, soll die Ursache dieses Übels sein?

Vielleicht liegt es daran, dass wir zwar alle Ziele erreichen können. Aber wir können nicht jedes davon schaffen.

Klingt paradox. Ist aber logisch.

Weil unsere Ressourcen (Zeit, Geld, Fähigkeiten, Informationen) begrenzt sind, können wir nicht jedes denkbare Ziel erreichen.

Dass der Zeitfaktor uns einen Strich durch die Rechnung macht, ist klar. Selbstvertrauen Aber es sind eben auch unsere Fähigkeiten. So viel wir auch wissen und können, es wird immer mal wieder Situationen geben, denen wir noch nicht gewachsen sind. Die wir an die Wand fahren. An denen wir scheitern.

Das ist so.

Unvermeidlich in vielen Fällen Selbstvertrauen

Aber wenn wir scheitern, wie gehen wir damit um?

De Botton meint dazu: Wenn wir schlechter dastehen als andere, die unter ähnlichen Bedingungen gestartet sind wie wir, reagieren viele „neidisch“. Es juckt uns nicht, so de Botton, was die englische Queen macht.

Aber wenn man bei einem Klassentreffen sieht, dass einige, die mehr oder minder genau die gleichen Vorraussetzungen wie wir hatten, heute um ein Vielfaches erfolgreicher sind, dann sprießt Neid empor.

Und weil man unter Neid nicht leiden will, weil sich niemand die Blöße geben möchte, schlechter dazustehen als andere, strampeln viele sich ab Selbstvertrauen. Denn sie leiden, wie de Botton es so schön formuliert, unter „StatusAngst“.

Diese besondere Form der Angst, so de Botton, ist deswegen besonders gefährlich, weil die meisten von uns (mich eingeschlossen) dazu neigen, sich über die Rückmeldung anderer Menschen zu definieren. „Wenn die anderen über unsere Witze lachen“, so de Botton, „stärkt das unsere Selbsteinschätzung, dass wir amüsant sind. Wenn sie uns loben, fühlen wir uns bestätigt, das wir etwas Besonderes erreicht haben. Aber wenn sie wegsehen, wenn wir den Raum betreten oder ungeduldig werden, wenn wir ihnen unseren Beruf verraten haben, können wir in Selbstzweifel und ein Gefühl der Wertlosigkeit versinken“.

Ergo: Wer will in aller Welt das Risiko auf sich  nehmen, öffentlich zu scheitern?

Genau.

Aber was heißt das nun?

Sollen wir uns einreden, dass eben nicht alles möglich ist? Dass wir „es“ doch nicht schaffen können?

Oder gibt es noch eine Alternative?

Bevor ich dazu meinen Standpunkt verrate: Was meinst Du dazu?

Ich freue mich über Deine Stellungnahme…

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4 Kommentare

  1. Moin Martin,
    könnte es sein, dass wir im Rausche der Allmachtsgedanken etwas entscheidendes übersehen? Wie wär es denn, wenn tatsächlich die Nornen das Schicksal weben ohne uns zu fragen? Oder unsere Seelen Pläne mit uns haben, die anders lauten, als wir uns so denken, und deshalb die Erfüllung gerade im „durchschnittlich sein“ oder in anderen uns ungenehmen Lebenssituationen läge?

    Manchmal beschleicht mich der Eindruck, die diversen Erfolgsparolen nur mehr der Verfestigung gewisser sozialer Schichtungen dienen…
    Ja, sicher, es ist fatal, den Glauben an sich selbst und sein Potential zu unterwandern, zu leugnen. Doch entscheidend ist m.E. der Maßstab: Erfolg in Bezug auf was und wen? Dann kann das Annehmen einer Situation ein größerer Erfolg sein, als das bloße Streben nach (vermeintlich) besserer Situation. Die innere Position ist ausschlaggebend, und aus eigener Erfahrung weiß ich, dass dann auch die Vergleichssituationen bei Klassentreffen etc. sich völlig ändern. Denn ich habe die Wahl, wie ich mit der Frage, was ich denn so alles mache umgehe und wie ich das weitere Gespräch gestalte. Wir wollen immer noch zu oft Ergebnisse bestimmter Art erleben, statt zu lauschen, welche Ergebnisse sich die Seele wünscht. Gute Ergebnisse kommen von selbst, wenn die spirituelle Richtung stimmt. Das ist womöglich seelsorgerische Arbeit pur, wenn auch ganz anders als Kirche das meint.

    Das sind so meine vorläufigen Gedanken.

    Beste Grüße
    Michael

    Antworten
  2. Vielleicht sollte man vor dem, „Du kannst es, Du schaffst es, alles ist möglich.“ einfach den Hinweis setzen, „dass was du dir vorgenommen hast.“

    Alles ist möglich ist zu abstrakt, als das es für alle als Anker gelten kann. Ich werde nie Königin von England, selbst wenn ich wollte.

    Wir leben nunmal in Vorstellungen und wenn ich mir vorstelle wie ich erfolgreich werde, dann werden meine Gedanken das dementsprechende handeln einleiten. Die Selbstsuggestion kann bisweilen hilfreich sein.

    Selbstvertrauen erreiche ich nur durch Erfahrung.

    Erfolgreich ist jeder der sein Ziel erreicht. Sollte er sein Ziel nicht erreichen, hat er einen Fehler gemacht. Fehler gilt es zu wagen. Durch Fehler lernen wir und durch Fehlervermeidungsstrategien werden wir nichts entwickeln.
    Wenn der Weg das Ziel ist, bin ich schon erfolgreich wenn ich mich überhaupt bewege… den Rest macht die Erfahrung.

    Liebe Grüße

    Antworten
  3. Was für eine spannende – und so naheliegende Frage!

    Schnelles Brainstorming brachte diese Punkte:
    Selbstvertrauen heißt für mich: mir selbst zu vertrauen,
    Zutrauen in meine Fähigkeiten zu haben, bzw. mir zuzutrauen,
    diese zu entwickeln, natürlich auch mit Hilfe.
    Fähigkeiten, das zu erreichen, was i c h mir vorgenommen habe.

    Wann ist das Selbstvertrauen im Grünen Bereich?

    1. Erkenntnis:
    Wenn ich mit Freude das mache, was mich meiner (von mir als
    für mich stimmig erkannten) Lebensvision näherbringt, muß mir
    niemand sagen ob er das für „erfolgreich“ hält. Das mach‘ ich
    mir mir aus. Und genieße die Anerkennung, so sie kommt 😉

    2. Erkenntnis:
    Es macht auf Dauer nur bedingt Freude, für ausschließlich eigene
    Ziele zu arbeiten. Richtig zufrieden bin ich dann, wenn andere
    auch was davon haben, je mehr desto schöner.

    3. Erkenntnis:
    Wenn die Wurst so hoch gehängt ist, daß es sich nur für
    Olymioniken lohnt danach zu springen (ich gehöre nicht zu ihnen!),
    denke ich nicht einmal über einen Versuch nach. Denn es
    fühlt sich für mich nicht „richtig“ an. Daran ändert auch das
    lauteste Tschakka nichts. Ich vertraue mir selbst, bzw. meinem
    Gefühl mehr.
    Anders wär’s, wenn ich selbst es brennend gerne wollte, aber
    aus irgend einem Grunde außerstande wäre zu erkennen,
    daß ich es tatsächlich schaffen könnte und Ermutigung ange-
    bracht wäre.
    Für solche Fälle mag die Selbsthilfe-Literatur gute Dienste leisten,
    oder Coaching natürlich.

    4. Erkenntnis, und erstmal gut damit:
    Hypothetisch können alle alles erreichen. Wäre das, ebenso
    hypothetisch, ein erstrebenswertes Ziel?
    Banal verglichen ist es wie mit Geld: Viel davon zu haben ist ja
    schön, aber für das Selbstwertgefühl nicht genug. Entscheidend
    ist doch, was ich damit mache. Damit beißt sich die Katze in den
    Schwanz der 2. Erkenntnis.

    Fazit:
    Selbsthilfebücher können unser Selbstvertrauen vermutlich
    nur dann verringern, wenn wir ein Ziel erreichen wollen, das nicht
    mit unserem eigenen und folglich unserem Bauchgefühl übereinstimmt.

    Schönes Wochenende!

    Antworten
  4. Hallo Martin,

    alles ist möglich?! Ja, vielleicht. Ich habe viele Jahre meines Lebens damit verbracht, Dinge zu tun und zu perfektionieren, die ich KANN, um festzustellen, dass ich gut bin, aber unerfüllt, unzufrieden. Die entscheidende Frage ist weniger: wie komme ich da hin? als: Warum tue ich das? Weil ich es kann… oder weil ich es will, weil es mich ruft? Viel zu oft werde wir gelebt, anstatt zu leben, weil wir glauben, eine bestimmte Rolle einnehmen, ein von außen vorgegebenes Ziel erreichen zu ‚wollen’… so einen guten Job haben wie der ehemalige Mitschüler, so viel verdienen wie der Kollege… usw.

    Es ist nicht das Werkzeug, dass den individuellen Erfolg ausmacht. Ich kann mit der festen Überzeugung an Tschakka & Co. Erfolg haben, oder mit der Besinnung auf die Bildung von Selbstvertrauen durch Bescheidenheit und Taten, oder oder…

    Egal, welches unser Hilfsmittel ist, mit dem wir ein Ziel erreichen werden, entscheidend ist der Grund, warum wir etwas tun (wollen!), warum wir uns ein Ziel setzen. Wer außer uns selbst sollte den Wert der Dinge festlegen, die zu unserem Leben gehören sollen – das Salz im Leben? Wer bestimmt unsere individuelle Lebensart, Kultur, Moral, Erfolg – außer uns selbst? Leider zu oft andere, die Familie, die Freunde, die Nachbarn, die Kirche, die Bank…….

    Wir glauben, auf dem Weg zu unseren Zielen zu sein, und sind doch nur zu oft Hamster in einem Laufrad, dass andere für uns hingestellt haben.

    Selbstvertrauen – darin stecken zwei Worte. Der Fokus liegt zu oft auf dem Vertrauen, und weniger auf dem Selbst, wo es doch umgekehrt sein sollte.

    Es ist viel leichter, mit einem Werkzeug der Wahl loszugehen, als zu wissen, wo es von Herzen und aus voller eigener Überzeugung wirklich hingehen soll.

    Liebe Grüße, Andrea

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