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Über das Böse – Interessanter Artikel aus der Zeit

Woher kommt das Böse? Warum begehen Menschen schreckliche Untaten? Sind die Täter selbst schuld? Oder sind sie nur das Opfer ihrer Umwelt oder Gene?

Das sind Fragen, die Hans-Ludwig Kröber, Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie an der Berliner Charité in einem lesenswerten Interview bei Zeit-Online erörtert.

Hier einige wichtige Einsichten, die mich nachdenklich gestimmt haben…

Auf die Frage, ob Gewalttäter Opfer von Umständen oder aus eigener Kraft zu Verbrechern wurde, antwortet Kröber mit einem „sowohl als auch“.

„Die meisten Täter sind nicht a priori böse. Nur in bestimmten Situationen, wenn sie gedemütigt, wütend, verletzt sind, lassen sie sich zu entsprechenden Taten hinreißen. Anders gesagt: Das Böse lebt in der Tat. Und man muss kein böser Mensch sein, um böse Taten zu begehen.“

Aber nicht alle Täter fallen in diese Kategorie, mein Kröber:

„Es gibt tatsächlich auch böse Menschen. Die sind zwar erstaunlich selten, aber es gibt doch Einzelne, die so viel Hass und Vernichtungswillen aufgebaut haben, dass sie sich immer wieder Situationen suchen, in denen sie dies ausleben können.“

Und dann stellt „Die Zeit“ eine spannende Frage: „Könnte also prinzipiell jeder jedes Verbrechen begehen? Auch ich oder Sie?“

Kröber: „Nein, das glaube ich nicht. Die Erfahrung lehrt ja, dass dies unter normalen Umständen eben gerade nicht gilt. Es gibt zwar Studien, in denen Menschen befragt wurden, ob sie schon einmal ernsthaft daran gedacht hätten, jemanden umzubringen. Und etwa die Hälfte sagte Ja! Auch erstaunlich viele Frauen übrigens. Bei denen ging es oft um sexuelle Rivalität, bei Männern waren es vermehrt berufliche Gründe. Doch aus solchen Gedanken und Absichten wird eben dann doch meist keine Realität, die meisten Menschen werden gerade nicht zu Mördern. Nur wenn ein solches Verhalten in ein Konzept der Selbstrechtfertigung, in eine angenommene Opferrolle hineinpasst, sieht die Sache anders aus. Viele Opfer glauben, sie dürften nun ihrerseits die Regeln verletzen. Deshalb warne ich stets davor, sich in eine Opferrolle hineinzufantasieren.“

Interessant, nicht wahr? Wer sich als Opfer fühlt, wird eher zum Täter.

Bevor man nun in Kulturpessimismus verfällt und das Ende der Welt nahen sieht, hat Kröber, dessen Leben im wesentlichen um die Ursachenforschung von Gewaltverbrechen kreist, einiges Erstaunliches in petto:

„Ich finde schon, dass in den vergangenen 50 Jahren ein wohltuender Zivilisierungsprozess in Deutschland zu beobachten ist. Die Zahl der Tötungs- und Vergewaltigungsdelikte geht zurück, es gibt eine zunehmende Ächtung von Gewalt, etwa an Schulen, in den Familien. Ich selbst bin auf dem Gymnasium noch geohrfeigt worden, das gibt es heute nicht mehr. Aber einen Grundbestand an Aggressivität wird es immer geben.“

Woraufhin die Zeit kontert: „Sie glauben an das Gute im Menschen?“

Kröbers Antwort darauf:

„Eigentlich sind wir erstaunlich gut konstruiert. Sofern wir bestimmte Minimalbedingungen des Aufwachsens erleben, funktionieren wir in der Regel leidlich gut und tun uns gegenseitig kein Leid an. Das finde ich schon sehr bemerkenswert. Am Reißbrett hätte man unsere Spezies kaum besser entwerfen können.“

Quelle: Die Zeit

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