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Selbsvertrauen: Müssen wir immer der Beste sein?

Letztens coachte ich einen Teilnehmer zum Thema Selbstvertrauen.

Dabei stieß ich auf ein interessantes Phänomen, das vielen Menschen das Leben madig macht: Die Forderung, immer der Beste sein zu müssen.

Obwohl dieser wohlmeinende Satz ja eigentlich dazu motivieren soll, eine wirklich gute Leistung abzuliefern, kann er jedoch eine fatale Wirkung zur Folge haben: Stress, Druck, Verlust der Lebensfreude und des Selbstwertgefühls.

Welche Mechanik dahinter sitzt und wie man da raus kommt, möchte ich in diesem Artikel aufzeigen.

Beginnen wir zunächst mit dem Ausgangspunkt…Der Teilnehmer war der Meinung, dass er „neuronal langsam“ sei – ein Begriff, den meines Wissens Vera F. Birkenbihl geprägt hat, die Grande Dame neuer Lernformen. Gemeint ist damit, dass manche Menschen einfach länger brauchen, um Sachverhalte zu verstehen.

Das heißt nicht, dass neuronale langsame Menschen blöd sind. Im Gegenteil: Vera F. Birkenbihl zählt sich auch zu dieser Kategorie Mensch, und ich würde aus meinen eigenen persönlichen Kontakten mit ihr sagen, dass sie ein hochintelligenter Mensch ist. Sie fasst nur bestimmte Sachverhalte langsamer auf, eine Tatsache, die sie übrigens zur bewussten Auseinandersetzung mit dem Thema „Lernen“ gebracht hat – mit erstaunlichem Erfolg.

So gesehen ist an der neuronalen Langsamkeit nix schlimmes.

Aber das galt leider nicht für den Kursteilnehmer. Er litt darunter, die Langsamkeit verursachte Stress und verminderte sein Selbstvertrauen.Genau an dieser Stelle sollte nun das Coaching ansetzen. Im Verlauf der gemeinsamen Sitzung stellte sich heraus, dass er als kleiner Junge die Erfahrung gemacht hatte, dass Kindern nicht zugehört wird, dass Erwachsene andere Erwachsene für wichtiger halten.

Die Folge: Das eigene Selbstvertrauen ist von Kindesbeinen an gering, und das pflanzt sich zunächst in seinem Leben fort. Bis schließlich ein Mentor in sein Leben tritt, der ihn unter seine Fittiche nimmt. Jemand also, der ihm zuhört. Der ihn unterstützt. Der an ihn glaubt.

Und der ihm die Forderung mit auf den Weg gibt: Sei immer der Beste.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass es der Mentor gut gemeint hat. Denn ich vermute, dass er wie viele andere auch, die Meinung vertrat, dass in der Berufswelt ein harter Verdrängungswettbewerb herrsche, in dem man sich nur behaupten kann, wenn man der Beste ist.

Wenn ja, dann wäre er nicht der einzige. Zu den Mitstreitern dieser These zählt zum Beispiel auch der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Josef Ackermann.

In einem Video bei Zeit Online antwortet Ackermann auf die Frage, inwieweit die Gier die weltweite Finanzkrise mitverursacht hat: „Man fragt sich doch: Ist das ständige Hetzen von morgens früh bis abends spät… ist das die höchste Erfüllung?“ Danach sinniert er über eine Änderung der Spielregeln im Geschäftsleben und wendet ein: „Nehmen wir Fußball. Da können wir die Spielregeln ändern und sagen, im 16er schießen wir nicht mehr scharf, weil das könnte den Torhüter verletzen. Oder wir machen immer 2 Meter Distanz vom Gegenspieler, damit nie jemand verletzt wird. Und das Spiel wird dadurch viel liebenswürdiger und schöner. Aber natürlich wird man so nicht Weltmeister, wenn nicht alle anderen Mannschaften auch so spielen.“

Dann erläutert er, dass die Globalisierung zu einem härteren Wettbewerb geführt hat, und damit auch zu mehr Druck in der Wirtschaft. „Wettbewerb gehört zur Marktwirtschaft, ist ein integraler Bestandteil“, führt er weiter aus.

Und wirft dann ein wirkliches kontroverses Thema auf: Selbst wenn die Globalisierung zu einem erhöhten Verdrängungswettbewerb geführt hat, so habe sie „hunderten von Millionen Menschen mehr Wohlstand gebracht. Ackermann: „Und wenn Sie in China oder Indien sind, da gibt es noch immer viele arme Menschen, aber viel weniger, als das noch vor einigen Jahren der Fall war.“

Erkennst Du, worauf er hinaus will?

„Und in diesen Städten zu sein und zu sehen, wie sich da was entwickelt, wie die Menschen Geschäfte eröffnen, sich ausbilden können, das ist doch etwas außerordentlich wertvolles.“

Und dann bringt er das Kontroverse auf den Punkt: „Die Frage ist doch: Wenn wir uns auf eine etwas gemütlichere Lebensart zurückziehen, ob das noch mögliche wäre.“

Bingo.

Da haben wir das Dilemma: Entweder harter Wettbewerb, den nur der gewinnt, der der bessere, vor allem härtere Spieler ist. Oder eine Verarmung der Welt.Bitte verstehen Sie mich recht. Was Ackermann sagt, ist ernst zu nehmen. Denn er ist bei weitem nicht der einzige, der das so skizziert.

So fragte das manager magazin in einem Interview mit dem Dalai Lama skeptisch: „Kann denn ein Top-Manager Ihren Leitlinien folgen? Wird er dann nicht zwangsläufig von gierigeren Wettbewerbern überholt?“

Das sind zwei Beispiele, und ich hoffe, sie genügen, um zu zeigen, wie tief das Mantra des „Ich muss der Beste sein“ im allgemeinen Denken verwurzelt ist.

Und doch ist dafür ein faustischer Preis zu bezahlen. Zumindest für den Teilnehmer, der nicht Vorstand einer Bank ist, aber doch eine Führungsposition in einem größeren Unternehmen innehat.

Er hatte also etwas in seinem Leben erreicht, jedoch bezahlte er dafür mit einer ordentlichen Portion Stress.Denn was passiert, wenn man das Gefühl hat, eben nicht der Beste zu sein? Wenn man Zeit braucht, um Zusammenhänge zu verstehen?

Natürlich versucht man als erstes das Defizit auszugleichen. Noch mehr anstrengen, noch mehr Gas geben, noch mehr lernen, um der neuronalen Langsamkeit zu entfliehen.Dieser immense Druck frisst sich nicht nur in die Arbeitszeit, sondern auch ins Privatleben. Nie kann man sich wirklich zurücklehnen. Oder gar „gemütlich“ werden.

Diese permanente Hetze fordert nicht nur geistig, sondern auch körperlich seinen Preis: Anspannung, Erschöpfung, in schlimmen Fällen auch Burn-Out. (Und vielleicht ist es auch kein Zufall, dass Josef Ackermann einen Kreislaufkollaps erlitt, nach dem seine Bank den größten Verlust ihrer Geschichte bekannt geben musste, siehe „Welt Online“)

Aber was tun, wenn auch das nicht reicht? Wenn man den Ansprüchen trotzdem nicht gerecht wird? Dann setzt einen Ent-Täuschung ein. Und man beginnt an sich zu zweifeln. Die Folge: Das Selbst-Vertrauen bricht im wahrsten Sinne des Wortes weg – und man geht ausgerechnet der wichtigsten Zutat verlustig, die man braucht, wenn man erfolgreich sein möchte.

Ein Teufelskreis also. Der Beste sein wollen, führt zu einer teilweise unerfüllbaren Erwartungshaltung, die wiederum zur Folge hat, dass man an sich selbst zu zweifeln beginnt.

Wie in aller Welt kommt man da raus?

In dem man das Mantra vom „ewig Besten sein müssen“ hinterfragt.

Denn der Beste sein zu müssen, führt interessanterweise nicht nur dazu, dass man sich unter Stress setzt und das eigene Selbst-Vertrauen unterminiert.

Sondern auch dazu, dass man sich Lernerlebnisse nimmt, die das eigene Wachstum, die persönliche Weiterentwicklung, das wirkliche „besser werden“ befördern.

Aus Angst und Sorge, Fehler zu machen und dann „dumm da zu stehen“, bleibt man einfach bei dem, was man jetzt kann und immer schon so gemacht hat.

Das geht solange gut, bis sich die Spielregeln ändern, und die bisherigen Vorgehensweisen einfach nicht mehr funktionieren.

Statt also immer bei anderen gut dastehen zu wollen, wäre es doch viel besser, wenn man zu sich selbst steht, so wie man ist.

Und anerkennt, dass man eben nicht immer und überall der Beste ist, und wahrscheinlich auch niemals sein kann.

Dass es sogar viel angenehmer und realistischer ist, zu seinen Schwächen zu stehen und zu sagen: „Wissen Sie, ich bin neuronal langsam, können Sie mir das ganze etwas einfacher erklären?“

Vermutlich wird es Menschen geben, die denken, „Mensch, ist der denn blöd?“ Andere wiederum werden eher Respekt bekommen, weil sie wahrnehmen, dass jemand stark genug ist, zu seiner scheinbaren Schwäche zu stehen. Und viele werden denken: „Wie sympathisch, der ist. Also auch ein ganz normaler Mensch wie ich auch.“ Aber welche Effekte hätte das auf das Leben des Teilnehmers?

Dazu trat er in dem Coaching gedanklich eine Zeitreise in eine Zukunft an, in der er die Überzeugung „immer der Beste sein zu müssen“ fallen gelassen hatte.“Viele Zwänge sind verschwunden“, so schildert er diese Zukunft, „ich muss nicht mehr darauf achten, wie ich auf andere wirke. Es ist mir viel wichtiger, mich selbst in meiner Haut wohl zu fühlen, und das zu tun, was ich von Innen heraus für wichtig halte… Ich habe das Gefühl, das ich zu meinem wahren Leben komme. Nicht mehr das tun, was ich glaube, was andere erwarten. Sondern wirklich in mir ruhen. Und das Leben kommen lasse.“

Interessant.

Und was würde passieren, wenn wir so Wirtschaft betreiben würden?

Hätte Ackermann recht, dass der Wohlstand Schaden erleiden würde, weil wir der Gemütlichkeit anheim fallen?

Oder entspränge dieser authentischen Haltung eine neue Stärke, die viel erfolgreicher denkt, fühlt und handelt als das handelsübliche, zwanghafte Streben nach Anerkennung von Außen?

Was meinst Du?

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2 Kommentare

  1. ich weiss nicht wo ich anfangen soll..

    ich selber bin so, dass ich überall der beste sein will – ich kann es nicht ertragen, wenn in irgend einem bereich jemand besser ist.. erst recht nicht in einem bereich den ich mir jahrelang antrainiert habe / in dem ich jahrelang gelernt habe.

    keine ahnung wie dieses problem lösbar ist…

    denn es fängt bereits an – mich beruflich einzuschränken. ich verliere jobs indem ich einfach jedem der nur ein wenig kritik an meiner arbeit äussert sofort alles was ich über ihn denke (meistens negative sachen) .. den ich denke überall (auch wenn ich es selber igendwie sehe – ich machtlos bin gegen dieses verhalten) dass ich der beste bin / sein muss.

    zur gestellten frage… ich kann es nicht sagen – aber glauben tu ich folgendes:

    würden wir – nicht überall der beste sein wollen – würde es keine selbstforderung geben – keine will besser werden – für was auch?

    ergo folgt daraus das totale chaos in der wirtschaft – sie würde gar nicht in dem masse wie heute existieren – technologien würden uns fehlen…

    andererseits sind wir an einem punkt angelangt, an dem nicht jeder mensch dass kann – fast niemand kann mehr diesem ständigen „du musst der beste sein“ druck entgegenwirken / ausgesetzt sein.

    ergo führt das wiederum zu müdigkeit bis zur totalen erschöpfung – weiteres fordern in einem erschöpfungs-zustand führt zu extremer-agressivität – agressivität führt zu kontra-wirtschaft / jobverlust etc….denn diese agression kann so weit gehen das der „erschöpfte“ nicht nur verbal die andere partei nieder macht – sondern auch anfängt um sich zu schlagen….

    naja .. meine meinung ..

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  2. Wenn man die Vorstellung aufgibt immer der Beste sein zu müssen heißt das ja nicht dass man keinen Ehrgeiz mehr hat besser zu werden.
    Zu erkennen das man vielleicht nicht der Beste sein wird trotz aller Anstrengung, aber immerhin gut, ist doch allemalbesser als endloses Strampeln und Frust mit all seinen negativen Folgen.
    Es ist vor allem auch eine Frage der Definition was man als Bestes ansieht. Nicht den größten Umsatz zu haben oder am meisten zu verdienen kann bedeuten ein gutes, soziales und gesundes Umfeld zu haben. Dann ist man vielleicht darin der Beste, oder der Beste im Umkreis von ….oder einfach nur gut. Das “ Meßgerät“ für „der Beste“ ist nicht existent. Das was man nicht messen kann ist ebenso wichtig wie Zahlen…

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