X

Selbstvertrauen: Wie wir es wirklich gewinnen können…

Auf meinen Beitrag „Warum die meisten Selbsthilfebücher unser Selbstvertrauen verringern“ gab es nicht nur im Blog Resonanz.

Sondern auch per E-Mail.

So schrieb mir eine Frau: „Was meinen Sie damit, dass Selbsthilfe mein Selbstvertrauen untergräbt? Mein Selbstvertrauen ist momentan nicht sonderlich groß. Ich setze aber wieder alles daran, auch wieder so denken zu können – alles ist möglich.“ Vollkommen zurecht. Aber in der ganzen Frage ums Selbstvertrauen wird häufig ein Schlüsselfaktor übersehen…

– wer ist denn eigentlich dieses Selbst, dem wir da vertrauen sollen? Keine einfache Frage, stimmt’s?Und doch ist sie verdammt wichtig. Denn ohne Selbst kein SelbstVertrauen oder SelbstWert.

Eigentlich logisch.

Warum also fällt uns die Antwort auf diese Frage so schwer?

Ich glaube, mindestens zwei Ursachen spielen dabei eine wesentliche Rolle – und wenn man die verstanden hat, kann man dieses Selbst tatsächlich entdecken. Wie genau, werde ich am Ende dieses Artikels definitiv beantwortet haben.

Fangen wir erstmal mit der Frage an, warum die meisten ein Problem haben, ihr eigenes Selbst zu definieren. Weil wir gelernt haben, uns über andere zu definieren.

Im Elternhaus mussten wir bestimmte Vorstellungen erfüllen, sonst gab es Krach. In der Schule waren die Lehrer darauf angesetzt, unsere Defizite heraus zu finden und uns per Schulnote unter die Nase zu reiben. Wenn wir als Jugendliche zu einer Clique gehören wollten, durften wir nur bestimmte Mode tragen, nur ganz bestimmte Musikrichtungen gut finden und nur ganz bestimmte Stars verehren. In der Arbeitswelt müssen wir uns an das jeweilige Unternehmen anpassen und Leistung zeigen – wenn wir das nicht tun, verlieren wir den Job.

Das sind nur einige Beispiele. Es gibt noch mehr. Viel mehr.

Aber ich denke, sie genügen, um eines klar zu machen: Wir haben gelernt, dass wir den Ansprüchen anderer Menschen gerecht werden müssen, wenn wir im Leben klar kommen wollen.

Darum neigen wir alle dazu, die Meinung anderer Menschen ziemlich ernst zu nehmen. Ein Lob unseres Chefs oder unserer Kunden freut uns. Ein Tadel oder gar massive Kritik kann uns am Boden zerstört zurück lassen.

Deswegen verwenden wir einen erheblichen Teil unserer Zeit damit, gut dazustehen, von den richtigen Leuten akzeptiert zu werden und all die Anforderungen zu erfüllen, die man von uns erwartet.

Das gilt für Rechtsanwälte wie auch für Rocker, für Vorstandsvorsitzende wie für Punks, für junge Mädels, die Models sein wollen und sich stylen, wie für Geeks (= Computer-Freaks, siehe Wikipedia), bei denen es zum guten Ton gehört, schluffig herum zu laufen.

All diese Gruppen haben Regeln, Normen, Ideale. Und wer dazu gehören will, muss sich an die Spielregeln halten.

Auch daran ist nichts Schlimmes.

Es sei denn, es ist nicht das Spiel, das wir wirklich spielen wollen.Und genau hier beginnt für die Meisten das tatsächliche Problem: Wir werden direkt oder indirekt durch Lob und Tadel aufgefordert, einem Ideal zu entsprechen, das nicht unbedingt unsers ist. Zu dem wir aber „ja“ sagen, weil wir dazu gehören wollen.

Hier ein Beispiel, wie ich selbst ein Spiel gespielt habe, das nicht meins war.

Ich habe mich irgendwann einmal brennend für Marketing interessiert, weil ich dachte, dass ich das später als Trainer mal gebrauchen könnte.

Also habe ich alles gelernt, was ich damals lernen konnte, bin sogar Marketingleiter geworden. Natürlich habe ich teure Klamotten und eine Designerbrille getragen, weil ich unbedingt dazu gehören wollte. Marketing zu beherrschen, kam aus meinem Inneren. Die Designerbrille und all der Chic, der damit einher ging, dagegen nicht. Ich fühlte mich in den Kreisen fremd und nicht wirklich dazugehörig. Leider habe ich das damals nicht bewusst auf meinem Schirm gehabt, was dazu führte, dass ich später in eine regelrechte Lebenskrise rein schlitterte. (Daraus entstand dann mein Kurs und mein Buch „Quest“, was unterm Strich auch nicht verkehrt war.)

Ich glaube, ich bin da nicht der einzige. Ich glaube, wir alle machen das. Und wenn Du nun zufälligerweise das Gefühl haben solltest, dass es bei Dir auch so sein könnte: Willkommen im Club.

Eines muss ich jedoch an dieser Stelle in Schrägschrift herausstellen: Solange wir einem für uns falschen Ideal, falschen Zielen folgen, werden wir kein echtes SelbstVertrauen gewinnen.

Vielleicht werden wir die Ziele erreichen und in den Augen der anderen Pluspunkte sammeln. Glücklich werden wir jedoch dabei nicht. Falls Du Dich fragst, was Deine Ideale sind, achte auf Deine negativen Gedanken.

An welcher Stelle machst Du Dich nieder? Und warum genau?Welche Vorstellungen kannst Du dabei – scheinbar – nicht erfüllen, so sehr Du dich auch bemühst?

In einem Coaching hatte zum Beispiel ein Teilnehmer das Problem, dass er sich immer wieder in Besprechungen unwohl fühlte und sich runter machte. Die Vorstellung, die er dabei nicht erfüllen konnte: Auch an dieser Stelle zu den Besten zu gehören.

Konnte er aber nicht. Und statt aus seiner scheinbaren Schwäche des „langsamen Kapierens“ (oder, wie Vera F. Birkenbihl es so nett nennt: neuronale Langsamkeit) eine Stärke zu machen, in dem er dazu steht („Sorry, ich hab das noch nicht ganz verstanden, können Sie es mir bitte so erklären, dass es auch ein Laie nachvollziehen kann.“), setzt er sich unter Druck, um diesem – für ihn falschen – Ideal gerecht zu werden.

Wie gesagt: Ich bin da wohl nicht der einzige.

Aber wie kommen wir aus diesem Problem heraus?

In dem wir auf etwas achten, das ich den inneren Kompass nenne.

Wer wir wirklich sind und was wir wirklich wollen, sagt uns die Freude.

Leben kann manchmal ziemlich einfach sein.

Das, was uns Freude bereitet, was unsere Augen zum Leuchten bringt, was uns fasziniert und begeistert, wobei wir Gänsehaut bekommen oder wir uns einfach nur wohl fühlen – das weist uns den Weg zu unserem „wahren Ich“.

Genau dem Selbst, dem wir viel mehr vertrauen sollten.

Ist das nicht eine sehr interessante und vor allem vollkommen andersartige Definition von SelbstVertrauen?

Und so einfach.

Alles, was man tun muss: Sich fragen, was einem Freude bereitet.

Als ich angefangen habe, mir die Frage täglich zu stellen, kamen die unterschiedlichsten Antworten: Mal wollte ich ins Kino gehen. Dann was leckeres kochen. Mit meinen Kindern spielen. Mich früher schlafen legen. Musik hören. Mit meiner Frau kuscheln. Spazieren gehen.

Immer etwas anderes.

Aber die Signale, die die Antworten begleiteten, waren stets dieselben: Ein Bauchgefühl gekoppelt mit einem Kitzeln in der Brust.

Bei Dir kann das eine andere Stelle sein. Eine andere Wahrnehmung. Aber was auch immer: Auf diese Weise findest Du einen Kompass, dem Du nach und nach (noch) mehr Vertrauen schenken solltest. Genug geredet.

Es wird Zeit, die Ärmel hochzukrempeln.

Also: Was würde Dir heute wirklich Freude bereiten?

Was schießt Dir da in den Kopf?

Und?

Vertraust Du der Antwort?

Vertraust Du Deinem –– Selbst?

Gratiskurs für Dich: Emotional frei

Unser Kurstipp: Kopfgooglen Extrem

6 Kommentare

  1. Hallo,

    Zitat:
    „Weil wir gelernt haben, uns über andere zu definieren.“

    Wir identifizieren uns auch über unsere Vergangenheit oder unsere Eigenschaften. Solange wir uns mit unseren Rollen oder unserer Vergangenheit identifizieren, werden wir weiter in unseren Vorstellungen „leben“. Vor allem, steht das Bewusst werden. Bin ich mir eines Problems nicht bewusst, werde ich nichts ändern. Bin ich mir nicht bewusst, dass nur das JETZT zählt, werde ich weiter in meiner Vergangenheit, Zukunft, oder für die Erwartung der Anderen leben.
    Was ist das JETZT ?
    Denke ich über das JETZT, ist es bereits Vergangenheit und wird in meiner Erinnerung weiter leben. Der Augenblick AN SICH ist bereits vorbei. Den Augenblick (im JETZT) bewusst wahrnehmen und ihn nehmen wie er sich anfühlt… Ihn nehmen, nicht festhalten – loslassen ist akzeptieren.
    Das wird nicht ständig über den ganzen Tag gehen, aber sich diese Inseln zu nehmen/suchen, kann Wirkung für sich SELBST bringen. Ein Bewusstsein für sich SELBST entwickeln.
    Danach folgen Handlungen, denn nur mit Handlungen/Taten erwirbt man Erfahrung. Durch Erfahrung bekommt man Vertrauen in SEINE Fähig- und Fertigkeiten – in sich SELBST. Die Krux die immer mitschwingt, wir brauchen die Meinung/Akzeptanz der Anderen für unsere Orientierung. Dies Wechselwirkung gilt es bewusst wahrzunehmen.

    Zitat:
    „Alles, was man tun muss: Sich fragen, was einem Freude bereitet.“

    Verzeihung, das klingt hedonistisch, oder wie nach einem Kind das lustgesteuert ist. Natürlich sollte mir meine Aufgabe oder Tat Freude bereiten, aber mit „Alles, was man tun muss“ klingt mir das zu platt.

    Liebe Grüße

    Antworten
  2. Moin SLash,

    was ist verkehrt an lustgesteuerten, kindlichen, hedonistischen Handlungen?

    Und glaubst Du, dass man immer eine kindliche, lustgesteuerte Antwort bekommt, wenn man nach Innen geht und sich fragt: Was würde mir heute Freude bereiten?

    Liebe Grüße

    Martin

    Antworten
  3. Moin SLash,

    Du hast vollkommen Recht: auf den ersten Blick wirkt der Vorschlag sehr hedonistisch.

    Vor einigen Jahren hätte ich ihn mit diesem Argument auch schnell abgetan. Überraschenderweise ist die von Martin beschriebene Entscheidungsstrategie tatsächlich *ALLES*, was nötig ist, um das gesamte Leben neu zu gestalten, da schrittweise eine aufwärtskaskadierende Restrukturierung des Einstellungsnetzwerks erfolgt. In meinem Buch „Glück in 10 Minuten“ (als E-Book kostenlos unter: http://www.philipp-winterberg.de/projekte/Glueck_in_10_Minuten.pdf) findest Du diese Strategie in aller Kürze beschrieben.

    Wenn Dich Details interessieren, lies meine mit 1,0 bewertete wissenschaftliche Abschlussarbeit zu dem Thema (Titel: „Die Herleitung von Instrumenten der Einstellungsänderung aus einer Theorie der Einstellung“, als E-Book kostenlos unter: http://www.philipp-winterberg.de/download/XAM_Extensible_Attitude_Model.pdf)… 🙂

    Viel Erfolg!
    Philipp

    Antworten
  4. Hallo Martin,

    Zitat:
    „was ist verkehrt an lustgesteuerten, kindlichen, hedonistischen Handlungen?“

    Nichts, wird sich wohl ein Triebtäter sagen. Im Straßenverkehr wird diese Handlungsweise auch gerne übernommen und für Stimmung sorgen. Vermutlich kommt ein Mann bei einer Singleparty auch sehr weit damit…

    Per se, gehören sie genauso in die polare Form, oder dualistische Bewertung wie ihr Gegenteil. Das Paradoxe ist, dass sie ohne ihren Gegenspieler nichts wert sind.
    Wer kein Leid empfunden, kann keine Freude entwickeln und umgekehrt. Sie brauchen aneinander.

    Zitat:
    „Und glaubst Du, dass man immer eine kindliche, lustgesteuerte Antwort bekommt, wenn man nach Innen geht und sich fragt: Was würde mir heute Freude bereiten?“

    Nein, das glaube ich nicht. Man wird bisweilen eine Sackgasse finden, oder sich in Zweifel verlaufen, vielleicht wird man auch glauben, dass einem nur Freude, als Patentrezept weiterhelfen kann.

    Liebe Grüße

    Antworten
  5. Moin SLash,

    guter und berechtigter Einwand.

    Schreibe dazu deswegen einen weiteren Artikel. Kommt morgen (Montag), da ich heute „chille“.

    😉

    Martin

    Antworten

Kommentar absenden

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.