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Liebesleben im Dramaland 1/2: Wie Du toxische Beziehungen retten kannst

Steckst Du in einer toxischen Liebesbeziehung fest? 

In einer Partnerschaft, die Dir das Mark aus den Knochen zieht?

Oder erholst Du Dich gerade von einer Partnerschaft, die Dir wirklich den Rest gegeben hat?

Toxische Liebesbeziehungen sind heftig: Eifersuchtsdramen, Konflikte, Verletzungen – oft eingebettet in ein On/Off-Drama (Schlussmachen, Versöhnen, Schlussmachen, Versöhnen…).

Je länger man in einer toxischen Liebesbeziehung steckt, desto mehr kann sie unsere Psyche vergiften: Selbstzweifel („Ich bin nicht liebenswert“), Kummer, Wut, Trotz, bis hin zu Hoffnungslosigkeit, Depressionen und Ausgebranntsein sind typische Symptome.

Und so furchtbar das alles sein mag, das Schlimmste ist, dass man den Anderen oft einfach nicht loslassen kann.

In diesem ersten von zwei Artikeln möchte ich Dir zeigen, warum das so ist — und Dir ein paar Tipps geben, wie Du da rauskommen kannst.

Gestatte mir dazu, zwei reale Geschichten zu erzählen, die mir in den letzten Wochen begegnet sind. 

Die Frau: „Das Arsch meldet sich einfach nicht“.

Eine Klientin von mir hatte sich auf eine lockere Affäre mit einem Mann eingelassen, und sie waren ein paar Mal ins Bett gegangen. Da er vorhatte, für längere Zeit ins Ausland zu reisen, hatte sie gehofft, dass sie sich nochmal am Wochenende vor der Abreise treffen würden – aber er meldete sich nicht.

Sie schrieb ihm am Freitagnachmittag eine WhatsApp mit einem „Hey“. Und ein paar Stunden später kam seine Antwort: „Ola“. 

Das war es. 

In der Nacht von Freitag zu Samstag lag sie stundenlang wach: „Ich konnte einfach nicht schlafen“, erzählte sie mir, „ich musste die ganze Zeit an ihn denken. Warum meldet er sich nicht? Das ist doch unser einziges Wochenende vor der Reise. Steht er nicht auf mich?“

Am nächsten Morgen erwachte sie nervös und wie betäubt. Sie sah auf ihr Handy. Kein Anruf. Keine WhatsApp Nachricht.

Für einen kurzen Augenblick wollte sie ihm einen Morgengruß schicken, ließ es aber bleiben. Soll er sich doch zuerst melden, dachte sie. 

Sie schleppte sich durch den Vormittag, aber gegen 12 Uhr war sie emotional so gar gekocht, dass sie es einfach nicht mehr aushielt und ihm eine WhatsApp schrieb. 

Stunden später kam die Antwort. Er sei ganz spontan zu Freunden nach München gefahren.

Als sie mich anrief, sagte sie wortwörtlich zu mir: „Ich könnte ausrasten. Ich muss die ganze Zeit an ihn denken, und er interessiert sich einen Scheiß für mich. Und ich kriege ihn einfach nicht aus meinem Kopf raus. Kannst Du mir das wegmachen?“

Bevor ich Dir erläutere, wie sie den Fall gelöst bekommen hat, gestatte mir erst noch eine zweite Geschichte.

Der Mann: Ich kann sie einfach nicht vergessen

Vor einigen Wochen hatte ich einen Coaching-Klienten, der schon seit Monaten von seiner Ex getrennt war – aber nur äußerlich.  

„Schon morgens, wenn ich aufwache, muss ich an sie denken“, erzählte er mir. „Und obwohl ich das echt nicht will, klebt sie in Gedanken den ganzen Tag an mir. Ich komme einfach nicht von ihr los.“

Das nennt man eine „Obsession“. Eine starke Fixierung auf einen Mensch. Typisch für eine toxische Beziehung. 

„Wenn sie sich aber bei mir meldet“, führte er weiter aus, „dann fühle ich mich eher genervt. Ich muss an den ganzen Stress denken und wie mich das fertig macht. Aber dann, wenn sie ein paar Tage nichts von sich hören lässt, kommen die Gedanken an sie wieder und kleben an mir und ich bekomme sie einfach nicht los.“

Woher kommt die obsessive Seeehn-Sucht, die sowohl die Frau als auch den Mann förmlich zu überfallen scheint?

Und wie kommt man da wieder raus?

Auf jeden Fall nicht mit „Wegmachen“.

Genau das sagte ich der Frau: „Statt Dein Gefühl zu verdrängen, lass uns genau da hin gehen.“

Ich bat sie, an die Nacht von Freitag zu Samstag zu denken: Wie sie wachgelegen und sich unruhig von einer Seite zur anderen gewälzt hatte,

„Wo nimmst Du das Gefühl war, das Dich so fertig macht? Und das Du unbedingt loswerden möchtest?“

„Im Bauch“, sagte sie.

„Fühl da hin“, bat ich sie, „und zwar so liebevoll, wie Du kannst.“

„Es fühlt sich scheiße an“, erwiderte sie. 

„Ich weiß“, sagte ich, „es geht ihm auch scheiße. Deswegen frag das Gefühl so lieb wie irgendmöglich, wie alt es ist.“

Stille.

„Sieben“, sagte sie nach einer Weile. „Es ist sieben Jahre alt.“

„Ein Kind also“, sagte ich. „Frag die Kleine mal, was da in ihrem Leben los ist.“

Schweigen.

Dann antwortete sie mit zitternder Stimme: „Ich sitze in der Küche. Zum Abendbrot. Meine Eltern sind auch da….“

Sie stockte.

„Sie streiten sich“, fuhr sie vorsichtig fort.“Ich habe Angst, weil ich nicht verstehe, was da passiert. Und-“

Sie begann, unruhig zu atmen.

„Die beiden beginnen sich zu schlagen“, sagte sie schließlich und brach in Tränen aus. 

Nach einer Weile versiegten die Tränen und sie wurde etwas ruhiger.

„Die haben sich einfach vor meinen Augen geschlagen“, erzählte sie mit flüsternde Stimme, „und in dem Moment wurde mir klar, dass ich mich auf nichts und niemanden verlassen kann“.

Und nun, 40 Jahre später, lag sie in jener Freitagnacht im Bett und all die Ängste und Alpträume aus der Kindheit hatten sie wieder eingeholt.

Das ist aber noch nicht die ganze Geschichte.

Denn das eigentliche Problem war nicht die Angst, die sie verspürte.

Sondern ihr Widerstand.

„Kannste mir das wegmachen?“, hatte sie mich gebeten.

Ein verständlicher Wunsch, finde ich. Aber einer, der alles nur noch schlimmer macht.

Schmerz plus Widerstand = Leid

Wie der Dalai Lama so trefflich gesagt hat: „Schmerz ist unvermeidlich. Aber Leid ist eine Entscheidung.“

Konflikte, Verluste, Rückschläge und Enttäuschungen gehören einfach – auch – zum Leben. Niemand kann uns vor schmerzlichen Erlebnissen bewahren. 

Aber wir entscheiden, wie wir damit umgehen: Nehmen wir den Schmerz an? Oder leisten wir Widerstand?

Schmerz kommt und geht wie das Lachen, das aufbrandet und verebbt. Wenn man jedoch auf einen zeitweiligen Schmerz immer wieder mit Widerstand reagiert, verändert er sich in chronisches Leid.

Dabei ist es wichtig, die Dynamik zu verstehen, die dahinter steckt.

Wenn wir uns gegen den Schmerz entscheiden, wenn wir ihn betäuben oder verdrängen wollen, dann können wir ihn tatsächlich abspalten – aber nicht für lange. 

Nur kurze Zeit später kehrt er wieder zurück, denn er gehört zu uns.

Er ist wir.

Und er sehnt sich in die Heimat zurück, aus der er verstoßen wurde.

Und bevor wir ihn nicht angenommen und akzeptiert haben, wird er wie ein Gespenst durch unsere Psyche spuken und mit seinen gedanklichen und emotionale Ketten rasseln. Deswegen konnte die Frau den Mann nicht vergessen. Nicht er setzte ihr zu, sondern die kleine Siebenjährige in ihr, die sich verängstigt und allein gelassen fühlte. Und jedes Verdrängen. jede Form der Ablehnung steigerte nur ihren Schmerz und ihr Bedürfnis nach Hilfe. 

Das Leid entsteht also schlussendlich aus der eskalierenden Spirale von Reaktion und Gegenreaktion, von Vor- und Zurückdrängeln, von Druck und Gegendruck. Ein Kampf, der uns für viele Jahre in Beschlag halten kann. Im Fall der Frau sogar 4 Jahrzehnte.

Dabei hatte die Frau nichts „falsch“ gemacht. Im Gegenteil. Als Siebenjährige war sie nicht mal ansatzweise in der Lage gewesen, die Erfahrung mit ihren Eltern zu verstehen und zu verarbeiten. Die heftigen Emotionen, die sie in der Situation empfand, brannten das Erlebnis indes mit voller Wucht ins Nervensystem ein: Je intensiver eine emotionale Erfahrung, desto schneller wird sie „gelernt“. Zugleich setzte die emotionale Heftigkeit ihren noch jungen und unerfahrenen Verstand außer Kraft. 

Und so begann ihr Gehirn eine Rettungsmaßnahme: Der siebenjährige Anteil wurde schockgefrostet. Das heißt: Die „Kleine“ blieb emotional und rational auf der Stufe einer Siebenjährigen stehen. Und wann immer die Frau von den Gefühlen heimgesucht wurde, fühlte sie sich wie damals an jenem unglückseligen Abendessen mit ihren Eltern. Klein. Hilflos. Und voller Furcht.

Die Folge?

Verletzte Menschen verletzen Menschen

Wenn wir eine so schwere emotionale Verletzung erleiden, werden wir (Achtung! Psychologenkauderwelsch im Anmarsch): Bindungsunsicher. 

Man ist weder in der Lage, mit dem eigenen Kummer umzugehen, noch mit dem des Anderen.

Und das ist auch einer der Gründe, warum verletzte Menschen Menschen verletzen.

Mit jeder Verletzung sorgen sie einerseits dafür, dass der Andere einem nicht zu nahe kommt. Eine Schutzmaßnahme also.

Zugleich bewirkt die Verletzung eine schmerzliche Form der Bindung, weil uns nur jemand wehtun kann, zu dem unser Herz „Ja“ gesagt hat. Der Schmerz, den wir verspüren, ist eine Art Mahnmal, das uns daran erinnert, wie wichtig uns der Andere ist.  

Und so schafft die Verletzung Abstand und „Nähe“ zugleich. Man will den anderen nicht an sich heranlassen, kann ihn aber auch nicht loslassen.

Verstrickung pur also.

Und damit betreten wir das Dramaland-Spiel der Liebe von Verletzen und Verletzt werden, von Streit und Versöhnung, von „Komm her und geh weg“, von „On“ und „Off“, von Schlussmachen und Wiedervereinigung – ein „Spiel“, das uns nach und nach in seinen unseligen Bann zieht und uns dabei Zug um Zug emotional aussaugt, bis wir enttäuscht, verletzt und deprimiert im „Niemandsland“ einer Krise landen.

Wie wir es besser machen können

Die Heilung dieser unglücklichen Dynamik kann nur an der Wurzel gelingen. Statt das Beziehungsdrama im Außen zu fixen, lösen wir es im Inneren.

Ich zeigte der Frau, wie sie der kleinen Siebenjährigen zunächst einmal einfach „nur“ beisteht. 

Das ist das Erste, was unsere verletzten inneren Kinder brauchen: Das Gefühl, dass sie nicht mehr alleine sind. Dass jemand da ist, der sie liebevoll in den Arm nimmt. Der sie so akzeptiert, wie sie sind – und sie beschützt.

Das setzt eine gewisse emotionale und auch mentale Standfestigkeit und Reife voraus. Wenn wir nicht in unserer inneren Mitte sind, können wir bei stark verletzten Anteilen schnell aus dem Gleichgewicht geraten und uns in den negativen Emotionen verlieren. Genau das war der Frau in jener Freitagnacht geschehen: Sie war der Angst und der Agonie der Siebenjährigen hilflos ausgeliefert gewesen.

Deswegen ist es gerade bei heftigen emotionalen Verletzungen besser, sich eine Unterstützung zu holen – jemand, der als Coach oder im Falle von Traumata als Therapeut für eine gewisse Zeit die Rolle des Erwachsenen einnimmt, um die kindlichen Anteile aufzufangen und wieder in die Heimat unseres Selbst zurückzubringen.

In dem Audio unten kannst Du einen Eindruck davon gewinnen, wie das erste „Auffangen“ funktioniert (Auszug aus der bigshift.live Show vom 06.09.2019)

Natürlich ist das nur ein Anfang. Für die Rückführung in die „Heimat“ braucht es oft noch einiges mehr. 

Der Frau aus meiner Geschichte gelang es nicht nur, die „Kleine“ wieder zurück zu holen, sondern auch wachsen zu lassen. Aus der verängstigten „Kleinen“ wurde eine souveräne Erwachsene, die Schwieriges, aber auch sehr Schönes erlebt hatte. Am Ende breitete sich in ihr ein friedliches Gefühl aus, und sie verabschiedete sich mit einer relaxten Haltung aus dem Coaching.

Einige Stunden später schickte sie mir zwei Screenshots. Der erste zeigte eine liebevolle WhatsApp Nachricht, in der sie ihrem Lover eine gute Zeit mit seinen Freunden in München wünschte. 

Der zweite zeigte seine Antwort: Einen verliebten Smiley.

Soweit die Geschichte der Frau.

Die des Mannes lief indes anders.

Mehr dazu im zweiten Teil.

Tipp: Wie Du unangenehme Gefühle liebevoll annehmen kannst, erfährst Du in dem „Good Vibes“ Artikel….

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