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Die Kunst zu verzeihen: Versöhnen oder nicht? (Teil 2 von 3)

Verzeihen ist nicht Versöhnen (siehe auch das Video „Die Kunst zu verzeihen“ ab Minute 8.09)

Im Gegenteil: Es handelt sich um zwei verschiedene Stufen eines Prozesses, die man sauber trennen sollte.

Verzeihen bedeutet, dass man einen Groll, den man gegen jemanden hegt, loslässt. Versöhnen bedeutet, dass man sich wieder auf diesen jemanden einlässt.

Und das sollte man, mit Verlaub, nicht immer tun.

Warum?

Die Gefahr besteht, dass unser hypothetischer „Jemand“ den Fehler wiederholt, dem wir ihm verziehen hatten.

Dazu ein Beispiel, dass einem Bekannten von mir widerfahren ist. Er war auf einem Kurs zum Thema „Verzeihen“ gewesen (nicht bei mir, übrigens), und hatte sich als Thema seinen Vater vorgenommen, der ihn als Kind jahrelang geschlagen hatte.

Nachdem er im Kurs seinen Schmerz und Kummer – so weit, wie er konnte – losgelassen hatte, besuchte er seinen Vater, um ein klärendes Gespräch zu führen.

Der Vater hörte seinem Jungen schweigend zu und meinte anschließend: „Du spinnst wohl. Ich hätte Dich eigentlich noch viel mehr verprügeln müssen.“

Unfassbar, oder?

Eigentlich nicht.

Denn dem Vater fehlte das Entscheidende, das eine Versöhnung gerechtfertigt hätte: Reue.

Hätte der Vater seine Taten bereut, hätte er niemals so reagiert.

Reue ist jener kostbare Mix aus Verstehen, dass man etwas falsch gemacht hat – kombiniert mit einer echten Bereitschaft, fortan besser zu handeln.

Für den Vater jedoch waren die Schläge auch nach all den Jahren immer noch angemessenen und legitim.

Und aus diesem Grund darf man sich eben nicht blindlings versöhnen.

Im Gegenteil: Wenn Dich jemand massiv verletzt hat, ist Misstrauen und Skepsis angesagt. Du kannst Deinem Gegenüber Chancen geben, aber vorsichtig. Lass nur soviel zu, wie Du an Schmerz vertragen kannst, falls der Andere doch wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen sollte.

Denn die Gefahr besteht. Vor allem bei Wiederholungstätern.

Das alles jedoch setzt noch eine weitere Zutat voraus, die ich Dir in Teil 3 vorstelle.

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